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Das Modellprojekt "Interkulturelle Öffnung der Diakonie-Stationen in Berlin" an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis
Auftraggeber
Das Modellprojekt wurde vom Regionalen Diakonischen Werk Neukölln-Oberspree e. V. durchgeführt und vom Bundesministerium für Gesundheit, der Stiftung Deutsches Hilfswerk sowie durch Eigenmittel der drei beteiligten Diakonie-Stationen in den Berliner Innenstadtteilen Neukölln, Kreuzberg und Wedding finanziert.
Aufgabe
Das dreijährige Bundesmodellvorhaben hatte die Aufgabe, interkulturelle Öffnungsprozesse exemplarisch in drei Berliner Diakonie-Stationen zu untersuchen, zu begleiten und zu befördern. Voraussetzungen für die Auswahl der drei Pflegeeinrichtungen waren, dass sie sich in Einzugsgebieten mit einem hohen Bevölkerungsanteil an Menschen mit Migrationshintergrund befinden sowie über erste Erfahrungen mit der Versorgung älterer Migranten verfügen.
Die Relevanz der interkulturellen Öffnung der Altenhilfe/Pflege ergibt sich aus der zunehmenden Pluralisierung und Alterung unserer Gesellschaft. Diese beinhalten eine wachsende Differenzierung der Gesellschaft nach Herkunft, Alter, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, kultureller Identität oder Aufenthaltsstatus und machen eine kritische Überprüfung und Weiterentwicklung von Arbeitskonzepten, Handlungsan-sätzen und institutionellen Rahmenbedingungen sozialer und anderer Dienstlei-stungsträger notwendig. Ziel der interkulturellen Öffnung ist es, allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu den Regelversorgungseinrichtungen zu ermöglichen.
Das besondere Profil des im Herbst 2001 in die Wege geleiteten Projektes „Interkulturelle Öffnung der Diakonie Stationen in Berlin“ zeigte sich in der Verknüpfung von Praxisforschung und Praxisberatung sowie in der interdisziplinären Zusammenarbeit von Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pflege/ Pflegemanagement. Folgende Aufgabenbereiche waren Bestandteil des Projektes:
- Praxisberatung und Begleitung
- sozialwissenschaftliche Datenerhebung und Analyse
- Konzepterstellung und Erprobung
- Entlastung, Sensibilisierung und Qualifizierung
- Reflexion, Evaluation und Dokumentation
- Öffentlichkeitsarbeit
Vorgehen/Methode:
Den Ausgangspunkt für die Entwicklung, Erprobung und Evaluierung von konkreten Handlungsansätzen und Unterstützungsmaßnahmen für eine interkulturelle Öffnung der Diakonie-Stationen bildete eine umfassende Bestandsaufnahme. Diese erfolgte unter Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden auf drei hierfür relevanten Ebenen: Das Modellprojekt wurde tätig in den Diakonie-Stationen (Institutionen) selbst, bei den (potentiellen) Patienten und ihren Angehörigen (Zielgruppen) sowie bei den Migrantenorganisationen, Communities, Schnittstellen und Medien (Sozialräume).
Im Rahmen der Praxisforschung wurden zwei qualitative Erhebungen durchgeführt: eine Institutionen- und eine Zielgruppenerhebung. Hierbei fanden 60 leitfaden-gestützte Interviews mit den Beschäftigten der drei Diakonie-Stationen und (potentiellen) Zielgruppen zum Thema „Wünsche und Erfahrungen in der Versorgung älterer Migranten“ statt. Weiterhin wurde innerhalb einer Sozialraumerhebung soziodemogra-phisches Datenmaterial zur Bevölkerungs- und Sozialstruktur in Kreuzberg, Neukölln und Wedding zusammengefasst und ausgewertet. Der multiperspektivische Zugang zum Praxisfeld hatte das Ziel, die Problemlagen der (potentiellen) Zielgruppen vor dem Hintergrund ihres lebensweltlichen und sozialräumlichen Kontextes analysieren zu können. Schließlich sollten in die Analyse die professionelle Praxis mit ihren Interaktionsordnungen und institutionellen Rahmen-bedingungen einbezogen und auf diesem Weg konkrete Praxisempfehlungen für eine interkulturelle Öffnung der Diakonie-Stationen entwickelt werden.
Die in diesem Modellprojektvorhaben angestrebte Kooperation zwischen Hochschule und Praxis fand auf zwei unterschiedlichen Ebenen statt. Zum einen waren zwei Professorinnen der Evangelischen Fachhoch-schule Berlin in der Projektsteuerungsgruppe vertreten. Bereits vor Projektbeginn waren beide Wissenschaftlerinnen maßgeblich an der konzeptionellen Entwicklung des Projektes beteiligt. Weiterhin fand während des gesamten Projektvorhabens eine kontinuierliche Beratung des Modellprojektes durch sie statt. Die kollegiale Supervision und Reflexion der beratenden Arbeitsgruppe trug wesentlich zur Qualitätssicherung des Modellprojektes bei. Zum anderen wurde eine Kooperation mit Studierenden der Evangelischen Fachhochschule eingegangen. Im Rahmen der Institutionenerhebung hat das Modellprojekt mit Hilfe Studierender zweier Regelseminare der Studiengänge Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pflege/ Pflegemanagement 39 qualitative Interviews in den drei Diakonie-Stationen durchgeführt. Die Zusammenarbeit mit den Seminaren erforderte eine gute Vorbereitung und Einarbeitung der Studierenden wie z.B. die Vorstellung des Modellprojektes und des Untersuchungsthemas, die Einführung in die Interviewmethode sowie die Koordinierung und Begleitung der Interviewerhebung. Dafür konnten aufgrund der hohen Beteiligung der Studierenden eine große Anzahl an Interviews in den Diakonie-Stationen durchgeführt werden, die für die Entwicklung erster Handlungsempfehlungen für eine interkulturelle Öffnung der Diakonie-Stationen von grundlegender Bedeutung waren. Im Rahmen der Sozialraumerhebung wurde vereinzelt auch mit Diplomanden der Evangelischen Fachhochschule Berlin zusammengearbeitet, die wichtige Recherchearbeiten für die Sekundäranalyse ausführten.
Ausgewählte Ergebnisse:
Neben der systematischen Gewinnung von relevanten Informationen seitens der Institutionen, Zielgruppen und Sozialräume in Bezug auf die Verbesserung der Versorgung älterer Migranten und ihrer Angehörigen, hat sich der Nutzen sozialwissenschaftlicher, praxisorientierter und berufsübergreifender Forschung für die interkulturellen Öffnungsprozesse in den Diakonie-Stationen an nachfolgenden Punkten gezeigt:
- Die Forschungsaktivitäten führten zu einer engen Verbindung und Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis.
- Der dialogische Theorie-Praxis-Transfer ermöglichte dabei eine Aktivierung der Beschäftigten in den drei Diakonie-Stationen. Insbesondere die konkrete Interviewsituation im Rahmen der Institu-tionenerhebung über die Erfahrungen in der Versorgung älterer Migranten führte sowohl bei Leitungs- als auch bei Fachkräften zu einer intensiven Auseinander-setzung mit dem Thema „Kultursensible Pflege“. Ebenso ermöglichte die kontinuierliche Rückkopplung und Diskussion der Forschungsergebnisse in den Diakonie-Stationen die Beteiligung aller Mitarbeiter-Ebenen an institutionellen Entscheidungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Auslöser für die Veränderungsprozesse waren also nicht irgendwelche von außen an die Einrichtungen herangetragenen Ergebnisse allgemeiner sozialwissenschaftlicher Untersuchungen, sondern die in den Institutionen unter Beteiligung aller Involvierten erarbeiteten Befunde.
- Auf der Grundlage des multiperspektivischen Forschungszuganges wurde ein umfassender Maßnahmenkatalog für eine interkulturelle Öffnung der Diakonie-Stationen entwickelt, der die spezifischen Ausgangs- und Rahmenbedingungen sowie die Vorerfahrungen der einzelnen Diakonie-Stationen adäquat berücksichtigte.
- Vor diesem Hintergrund konnte eine individuelle Beratung und Begleitung der Einrichtungen in Bezug auf interkulturelle Öffnungsprozesse angeboten werden.
- Ferner ermöglichte die Verwendung sozialwissenschaftlicher Erhebungsmethoden eine von außen kommende Intervention in die Diakonie-Stationen, die eine kritische Distanz und fachliche Unabhängigkeit in den Beratungsprozessen gewährleistete.
- Aufgrund der interdisziplinären Perspektive der Forschungsaktivitäten konnte sichergestellt werden, dass die jeweiligen Öffnungsprozesse in den Diakonie-Stationen als eine Querschnittsaufgabe und somit in Entscheidungs- und Handlungszusammenhängen der Sozialarbeit und Pflege angesehen werden.
Insgesamt kann die Kombination aus Praxisforschung und Praxisbegleitung als ein wichtiges Instrument zur Verbesserung der Qualität von Dienstleistungen begriffen und als eine Form sozialwissenschaftlicher Organisationsberatung gewertet werden. Gleichzeitig zeigt sich die Entwicklung, Durchführung und Auswertung insbesondere qualitativer Forschungsvorhaben in der Praxis als sehr zeit- und arbeitsintensiv und beinhaltet einen permanenten Spagat zwischen Theorie und Praxis.
Ferner erfordert eine Kooperation aus Theorie und Praxis eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen Theoretikern und Praktikern, die nur über ein offenes Klima für kritische Diskussionen und Selbstreflexionen erreicht werden kann. Hierbei stellt sich die regelmäßige Thematisierung der Beziehungs- und Hierarchieebenen als notwendig heraus, um Konflikte zwischen beiden Gruppen zu vermeiden. Letztendlich liegen die Chancen eines partnerschaftlich und (selbst-) kritisch geführten Austausches zwischen Theoretikern und Praktikern in der Generierung eines theorie- und praxisübergreifenden Erfahrungswissens, das in das professionelle Selbstverständnis und in das Handeln beider Gruppen mit einfließt.
Das interdisziplinär ausgerichtete Theorie-Praxis-Vorgehen des Modellprojektes zeigte sich als ein innovativer und förderlicher Ansatz für die Initiierung von interkulturellen Öffnungsprozessen am Beispiel der ambulanten Altenhilfe/Pflege. Das Projekt lieferte durch seine sozialwissenschaftliche und praxisorientierte Forschung hilfreiche Ergebnisse für die Weiterentwicklung (inter-) professionellen Handelns von Personal und Führungskräften im Sozial- und Gesundheitsbereich und leistete somit einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung und Qualitätssicherung von Einrichtungen der Sozialen Arbeit/Pflege.
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Projektzeitraum:
September 2001 - November 2004
Durchführung:
Liv-Berit Koch,
Prof. Dr. Brigitte Wießmeier,
Prof. Dr. Olivia Dibelius
Veröffentlichung:
Die Dokumentation des Modellprojektes
wurde 2005 unter dem Titel „Interkulturelle
Öffnungsprozesse ambulanter Pflegedienste
in Theorie und Praxis“ veröffentlicht
und ist über das Diakonische
Werk Neukölln-Oberspree e. V. oder
über die Autorin erhältlich.
Kontakt: rehlinger@diakonisches
-werk-berlin.de
oder liv-berit.koch@web.de |
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